NRW droht ein Dieselchaos

Ein Kommentar von Kevin Rahn. Der Kommentar spiegelt nicht die Meinung der SPD-Velbert wieder, sondern die des Autors.

Bild: stux

Nach Hamburg, Berlin, Stuttgart und anderen eher fernen Städten drohen nun auch vor den Toren unserer Stadt Fahrverbote für bestimmte Dieselautos. Die Gerichte ermöglichen dies nun auch in Essen und Gelsenkirchen, sogar auf Autobahnen, die im Ruhrgebiet nun mal zwangsläufig durch die Städte führen. In einer der am dichtesten besiedelten Gebiete in Europa drohen damit vielen Menschen große Probleme. Auch viele Velberter werden deshalb vor  Probleme stehen. Das wird für viel dicke Luft sorgen.

 

1961 forderte Willy Brandt: „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“

 

Schlechte Luft war in unserer Heimat vor nicht allzu vielen Jahren deutlich zu sehen. Nicht nur im Stahl- und Kohlenpott, auch zur Zeit der vielen Gießereien in Velbert. Die dicht an dicht stehenden Betriebe mitten in der Innenstadt stießen keinen Wasserdampf aus und weiße Wäsche musste öfters gebleicht werden (damals natürlich keinesfalls am Sonntag). Wenn man heute am großen Möbel-Center oder gar auf dem großen Berg der Deponie steht kann man bis weit zum Niederrhein schauen. Man sieht das Schalker Stadion (wenn man denn will), das Planetarium in Bochum und im Hintergrund auch noch Kraftwerke. Von der Losenburg aus kann man abends sogar die Abstiche im Rheinhausener Stahlwerk beobachten. Auch wenn es hier öfters mal regnet, der Himmel über dem uns zu Füßen liegenden Ruhrgebiet ist definitiv wieder blau geworden. Die wenigen Schornsteine pusten weißen Rauch aus und unsere Innenstadt ist frei von Gießereien und Schleifereien mit all ihrem Dreck und Lärm. Laut Umweltbundesamt hat sich die Luftbelastung an Rhein und Ruhr zwischen 1964 und 2007 um 97% gesenkt. Konnte man vor 30 Jahren seinem Kaninchen kein Löwenzahn vom Straßenrand füttern (Stichwort: „Was ist mit Hasi los?“), sind unsere Autos heute deutlich sauberer und unsere Nagetiere dürfen sich über knackiges Straßenbegleitgrün freuen. Also eigentlich wäre die Entwicklung im Umweltschutz beispielhaft. Eigentlich.

Auch heute sind Verbrennungsmotoren nicht wirklich sauber oder gar gesund. Light- oder E-Zigaretten sind schließlich auch kein Gesundheitsprodukte. Doch darum soll es jetzt gar nicht gehen, auch nicht um den Abgas-Betrug aller Auto-Hersteller, sondern um Politikversagen mit Ankündigung.

 

Schiene oder Straße: Nichts geht mehr in NRW

 

Denn die drohenden Fahrverbote sind Hausgemacht. Die 15 Millionen Einwohner an Rheinschiene und Ruhrgebiet müssen mobil sein. Kaum einer lebt neben seinem Arbeitsplatz, deshalb müssen wir pendeln. Jeden Morgen und Nachmittag erlebt man das hautnah. Ob ich in Ratingen stehe weil ich nach Düsseldorf will oder irgendwo auf der Ruhrallee. Eine Blechlawine walzt sich ihren Weg durch das Revier und bremst alles. Unsere Straßen und Nerven sind dann besonders überlastet, wenn wir mal wieder irgendwo grundlos im Stau stehen. Doch auch als ÖPNV-Pendler sieht man die Überlastung unserer Bahn- und Bussysteme. Erst ist der Bus überfüllt, dann der Zug…wenn er mal fährt (Stichwort S6). Selbst die Bahnsteige sind dann zu voll um schnell ein Gleis zu wechseln. Obwohl vor allem im Ruhrgebiet die Bevölkerungszahlen eher abnahmen, sind die Systeme komplett überlastet und langsam. Auch wenn die Metropolregion Rhein/Ruhr nicht riesig ist und die Städte ineinander übergehen, ist das Bus- und Bahnnetz unattraktiv. Die U-Bahnhöfe sind zudem häufig alt und trotz 70er -Jahre Charme dunkel und verwinkelt.

Unser NRW hat offensichtlich ein gewaltiges Infrastrukturproblem. Die jetzige Landesregierung (die mit den Stau-Plakaten) ist nicht in der Lage die Verkehrswege entsprechend auszubauen. Wenn dann mal Autobahnen gebaut werden, stören sich häufig 100 Anwohner, 2-3 Fledermäuse, 1 Feldhamster oder ein halbes Vogelnest. Wir Velberter kennen das seit 40 Jahren und warten noch immer auf die Fertigstellung der A44.
Aber auch bei den Schienen hat sich etwas verändert: Wir haben viel weniger Schienen als 1950. In der DDR hat die Sowjetunion fast alle zweigleisigen Strecken demontiert, hier waren das die Bahnmanager. Zwischen Langenberg und Essen konnten einmal zwei Züge gleichzeitig fahren, nebeneinander wohlgemerkt. Doch das ist vorbei, die Strecke ist eingleisig, die damalige Brücke schon lange abgerissen. Die Landesregierung hat aber hier immerhin ein Prestigeprojekt: den berühmt-berüchtigten RRX.
Eine neue Zuglinie quer durch die Region soll uns Pendler retten und alles verbessern. Im Land der Viehwagon-artigen Pendler-Holzklasse und komplett verwaisten 1. Klasse wird eine neue Linie alles ändern. Tatsächlich ändert sich durch die neue Linie vieles für uns Pendler. Die komplette Taktung der Bahnen und Busse muss angepasst werden. In Velbert führt das zu riesigen Problemen. Weniger Bahnen und weniger Busse pro Stunde wird bestimmt viele Bürger dazu ermutigen, das Auto stehen zu lassen. Das ist der große Wurf der schwarz/gelben Landesregierung und der Verkehrsbetriebe.
Überhaupt ist der ÖPNV sehr kompliziert bis ungerecht. Als Student bezahlt man für sein Semesterticket für ganz NRW ca. 100 Euro pro Halbjahr. Für den normalen Arbeitnehmer kostet das Ticket2000 (Preisstufe D) bis zu 199 Euro…pro Monat! Einzelfahrten sind auch nicht günstig, besonders wenn man sowieso ein Auto hat, was bei den meisten Familien der Fall ist. Mit einer innovativen Landesregierung könnte man schrittweise versuchen, Tickets abzuschaffen. Warum gibt es kein Bürgerticket? Wenn sich die 40.000 Studenten einer Uni mit den Verkehrsbetrieben auf ein günstiges Ticket einigen können, welchen Preis würde dann eine Gemeinschaft von 17 Millionen Bürgern aushandeln? Ohne Finanzspritzen der Steuerzahler währen diese Unternehmen ohnehin nicht wirtschaftlich und autonome Fahrzeuge sind schon fast Marktreif. Trotz groß angekündigter Modellversuche im Ruhrgebiet ist bisher nichts geschehen.

Zusammenfassend ist im ÖPNV keine Verbesserung geplant, wenn Dieselfahrverbote auch unsere Buslinien trifft, wird es sich kurzfristig noch verschlechtern. Auch die Straßen und Autobahnen wurden trotz versprechen nicht besser. Dabei gibt es in NRW auch viele Experten für Verkehr, Infrastruktur und Umweltschutz. Ob in Essen oder Jülich, überall um uns herum sitzen weltbekannte Fachleute die in diesem Themenfeld forschen und Ideen entwickelt haben. Man müsste nur Zuhören.

 

Landesregierung versagt auf ganzer Linie

 

Die bisherige Strategie unseres Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU): Er glaubt in seiner optimistisch-rheinischen Art, dass Fahrverbote unverhältnismäßig sind und deshalb nichts weiter getan werden muss. Leider haben das die Gerichte nicht so gesehen. In Aachen, Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet wird es trotzdem bald Fahrverbote geben. Obwohl es schon in anderen Bundesländern Verbote gab, glaubt er bis heute (Stichwort: „Nächste Instanz“), dass das gar nicht passieren könne.

Der Verlierer dieses Versagens ist der Bürger, ob er nun an einer viel befahrenen Straße wohnt, oder einen Diesel fährt und bald laufen darf. Wir brauchen eine Verbesserung der Luft, daran sollte jedem gelegen sein. Nur weil der Himmel blau ist, ist die Luft nicht rein. Nur weil der Rauch aus den Fabriken nicht mehr Gelb oder Schwarz ist, ist er nicht gesund. Wir haben bessere Politiker verdient, die wirklich darum bemüht sind Umweltschutz und Mobilität in Einklang zu bringen. Oder es zumindest versuchen. Wir brauchen mutigen Ausbau von Schienen, Buslinien und Straßen, wir müssen mehr Pendler von Bus, Bahn und Fahrrad überzeugen.
Nichtstun ist Machtmissbrauch hat der kleinere Koalitionspartner der Landesregierung im Wahlkampf gesagt. Doch genau das ist es, was die Landesregierung tut. Fahrlässig ist diese Politik noch dazu, haben wir doch die Experten und Möglichkeiten um endlich den Mottek zu schwingen. Wer also demnächst nicht mehr zu seiner Arbeit fahren darf oder Sardinenmäßig gequetscht im Regionalexpress nach Luft hechelt kann sich bei der CDU/FDP-Landesregierung bedanken.

Ein besseres Land kommt nicht von alleine.


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